Embargobruch Eisbär Knut: Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen Berliner Zeitung und Berliner Kurier
Knut im Jahr 2007. | Foto: Zoo Berlin
IZW – 02.09.2015:

Embargobruch Eisbär Knut: Beschwerde beim Deutschen Presserat gegen Berliner Zeitung und Berliner Kurier

In der vergangenen Woche wurde die wahre Todesursache des weltweit zu Berühmtheit gelangten Eisbären Knut veröffentlicht. Trotz der expliziten Sperrfrist (Embargo) auf den vorab ausgewählten Redaktionen zugänglich gemachten Informationen kam es in zwei Fällen zum fortwährenden Bruch des Embargos. Der Forschungsverbund Berlin hat deshalb beim Deutschen Presserat Beschwerde gegen die Berliner Zeitung und den Berliner Kurier wegen erheblicher Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht eingelegt.

Die drei Berliner Forschungseinrichtungen Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen hatten jüngst mit einer Glanzleistung kooperativer Forschung die tatsächliche Todesursache des Berliner Eisbären Knut herausgefunden, dessen tragischer Tod 2011 weltweit Beachtung fand. Die Todesursache ist wissenschaftlich von größtem internationalem Interesse, daher wurde ein entsprechendes wissenschaftliches Manuskript vom renommierten Fachmagazin Scientific Reports der Nature Publishing Group zur Publikation angenommen.

Um dem weltweiten Medieninteresse für die jetzt vorgelegten Forschungsergebnisse zu entsprechen, wurden am Montag, 24. August 2015, ausgewählte Medien mit der Pressemitteilung "Rätsel um Eisbär Knuts Erkrankung gelöst" unter expliziter und strikter Sperrfrist (Embargo) bis Donnerstag, 27. August, 15 Uhr, zu einer Pressekonferenz eingeladen, die erwartungsgemäß national und international ein enormes Medienecho auslöste.

Diese Sperrfrist und damit die journalistische Sorgfaltspflicht wurde durch die im Berliner Verlag erscheinenden Print-Medien "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" gebrochen, anhaltend und über mehrere Tage hinweg. „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ missachteten trotz mehrfacher Intervention die Sperrfrist und haben bereits am Montagabend, 24. August, mit der Vorabveröffentlichung auf den Internetseiten und mit dem Abdruck der Artikel am Dienstag, 25. August, international gültige Regeln in der Wissenschaftskommunikation und damit publizistische Grundregeln gebrochen. Bei der Berliner Zeitung erfolgte das gegen den dringenden Rat der Wissenschaftsredaktion. Ein zu diesem Zeitpunkt bereits in Auftrag gegebenen Artikel einer freien Mitarbeiterin wurde von dieser sofort zurückgezogen.

Die Nature Publishing Group hat eine sechsmonatige Sperre über die Journalisten des Berliner Verlags verhängt.

Führende deutsche Wissenschaftsorganisationen, darunter die Präsidenten von Leibniz- und Helmholtz-Gemeinschaft, und die betroffenen Institute haben in einem Brief an die Vorsitzenden des Aufsichtsrats und des Vorstandes der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, Herrn Christian DuMont Schütte und Herrn Dr. Christoph Bauer, das Verhalten der Chefredaktionen des Berliner Verlags missbilligt und aufs Schärfste gegen diesen national und international außergewöhnlichen Vorgang protestiert.

Der Brief an DuMont Schauberg ist u.a. unterzeichnet von Professor Matthias Kleiner (Präsident der Leibniz-Gemeinschaft), Prof. Jürgen Mlynek (bis zum 31. August 2015 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft), Professor Karl Max Einhäupl (Vorstandsvorsitzender, Charité-Universitätsmedizin Berlin) und Professor Pierluigi Nicotera (Wiss. Vorstand, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen). Bitte beachten Sie, dass Professor Jürgen Mlynek als ehemaliger Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft zu betiteln ist, da er seine Amtsgeschäfte am 1. September übergab.

Darin heißt es:
„Wir sind bestürzt über das Verhalten der Chefredaktionen der "Berliner Zeitung" und des "Berliner Kurier", zweier Zeitungen aus der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, die durch Alfred Neven DuMont zu großem Ansehen gelangt ist und sich für uns stets durch seriösen und qualitätsvollen Journalismus ausgezeichnet hat.

Da zum Zeitpunkt des Embargobruchs das o.g. wissenschaftliche Manuskript noch nicht veröffentlicht war, bestand für unsere Wissenschaftler die akute Gefahr, dass das Manuskript von der Nature Publishing Group, die den Embargobruch bereits am Montagabend, 24. August, selbst feststellte, als bereits veröffentlicht zurückgewiesen wird. Die jahrelange Forschung unserer international renommierten Arbeitsgruppen wäre damit entwertet worden.“

In der durch die Geschäftsführerin des Forschungsverbundes Berlin e.V., Dr. Manuela Urban, beim Deutschen Presserat eingebrachten Beschwerde heißt es: „Das uns völlig unverständliche Verhalten des Berliner Verlages und der beiden Chefredaktionen ist gegenüber den beteiligten Wissenschaftlern und sämtlichen anderen Medien, die sich weltweit an das Embargo gehalten haben, höchst unfair. Alle Versuche, den Abdruck des Artikels und vor allem die Internet-Veröffentlichung abzuwenden – unter anderem durch die Geschäftsführung und das Justiziariat des Forschungsverbundes Berlin – blieben leider erfolglos. Das Vertrauensverhältnis zwischen Wissenschaftlern und Journalisten, das auf der Verlässlichkeit bindender Absprachen und das Einhalten gültiger Regeln gründet, wurde nachhaltig beschädigt.“

Statements der beteiligten Wissenschaftler:
Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW):
„Ich möchte mich ausdrücklich bei allen Medien, die international das Presse-Embargo eingehalten haben für ihre Professionalität bedanken. Sperrfristen nutzen allen, sie räumen Journalisten im Gegenzug von Vertraulichkeit Gestaltungsfreiräume ein. Dieses Vertrauensverhältnis darf nicht beschädigt werden. Journalisten recherchieren, gewichten und veröffentlichen, dabei gelten entsprechende Spielregeln. Das Einhalten dieser Regeln ist essentiell für einen ungehinderten kommunikativen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Schwerwiegende Verstöße gegen diese Grundregeln eines unabhängigen und verantwortungsbewussten Journalismus müssen öffentlich gemacht werden, um eine Abwertung des Berufsbildes und des gesamten Berufsstandes zu verhindern.“

Prof. Dr. Alex D. Greenwood, Abteilungsleiter Wildtierkrankheiten am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW):
„Die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen in hochrangigen Fachzeitschriften ist für uns Wissenschaftler enorm wichtig. Durch das Brechen des Presse-Embargos bestand für das internationale Forscherteam die akute Gefahr, dass das Manuskript von der Nature Publishing Group als bereits veröffentlicht zurückgewiesen wird. Wir standen deshalb in dauerndem Kontakt zur Nature Publishing Group, um diesen GAU zu verhindern. Nach dem Bruch des Embargos gab es logischerweise den dringenden Wunsch anderer Medien, ebenfalls zu berichten. Wir sind sehr froh, dass das nicht eingetreten ist.“

Dr. Harald Prüß, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Facharzt an der Klinik für Neurologie der Charité:
„Solides wissenschaftliches Arbeiten in einem kompetitiven internationalen Umfeld lebt von einem engen Austausch zwischen den Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit. Dieses Verhältnis zeichnet sich durch beiderseitiges Vertrauen aus, da Forscher oftmals wesentlich durch öffentliche Geldgeber finanziert sind, und da im Gegenzug die gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Allgemeinheit zu Gute kommen sollen. Dieser Austausch basiert auch darauf, dass Wissenschaftler und Fachzeitschriften den Zeitpunkt der Veröffentlichungen mitbestimmen können.“

Fehler machen wir alle mal, man kann sie aber korrigieren. Keine weiteren Schritte halten wir deshalb in zwei weiteren Fällen für notwendig:

Zu einem nur kurzfristigen Bruch kam es beim Fernsehsender rbb, der seinen Beitrag in der Abendschau vom Montag, 24. August, auf unsere Aufforderung hin sofort aus der Mediathek und dem Internet entfernte. Auch FOCUS Online reagierte sofort; die mit Verweis auf die Berliner Zeitung kurzfristig ins Netz gestellte Meldung wurde ebenfalls unverzüglich entfernt. FOCUS Online nutzte die Entfernung der Internet-Meldung für eine Werbung in eigener Sache. Auf ihrer Internetseite hieß es: „Ein anderes Medium hat die Sperrfrist für die Berichterstattung gebrochen. FOCUS Online wird sich daran halten und veröffentlicht am 27. August zum offiziellen Ende des Embargos ausführliche Informationen zu Knuts Todesursache.“

Originalveröffentlichung
Prüss H, Leubner J, Wenke NK, Czirják GÁ, Szentiks CA, Greenwood AD (2015): Anti-NMDA Receptor Encephalitis in the Polar Bear (Ursus maritimus) Knut. SCIENTIFIC REPORTS, DOI: 10.1038/srep12805.

Die Pressemitteilung „Rätsel um Eisbär Knuts Erkrankung gelöst“ finden Sie hier: https://idw-online.de/de/news636338

Ansprechpartner:

Prof. Dr. Heribert Hofer DPhil
Direktor
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
Alfred-Kowalke-Strasse 17, 10315 Berlin
direktor@izw-berlin.de
Tel. +49-30-5168-101, Fax: +49-30-5168-110
www.leibniz-izw.de

Professor Alex D. Greenwood, PhD
Abteilungsleiter Wildtierkrankheiten
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
Alfred-Kowalke-Straße 17, 10315 Berlin
greenwood@izw-berlin.de
Tel. +49-30-5168-255
www.leibniz-izw.de

Dr. Harald Prüß
Arbeitsgruppenleiter
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)
c/o Charité – Universitätsmedizin Berlin
CharitéCrossOver
Charitéplatz 1, 10117 Berlin
harald.pruess@dzne.de
+49-30-450-560399, +49-30-450-539916

Dipl. Soz. Steven Seet
Leiter Stabsstelle Presse & Kommunikation
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
im Forschungsverbund Berlin e.V.
Alfred-Kowalke-Straße 17, 10315 Berlin
steven.seet@igb-berlin.de
Tel. +49-30-5168-125, Fax: + 49-30-51 26-104
www.leibniz-izw.de

Dr. Manuela Urban
Geschäftsführerin/Managing Director
Forschungsverbund Berlin e.V.
Rudower Chaussee 17, D-12489 Berlin
Phone: +49 30 6392-3331, Fax: +49 30 6392-3333
urban@fv-berlin.de
www.fv-berlin.de

 

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