Karl Weierstraß und die Goldene Zeit der Mathematik
Gruppenbild mit Ministerin und Weierstraß. | Foto: Herschelmann
WIAS – 31.10.2015:

Karl Weierstraß und die Goldene Zeit der Mathematik

Karl Weierstraß war ein Studienabbrecher und Spätzünder – und hat es dennoch zu einem der ganz Großen in der Mathematik gebracht. Nicht zuletzt seinetwegen heißt die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts die Goldene Zeit der Mathematik in Berlin. Am 31. Oktober feierte das Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS) seinen 200. Geburtstag. Zu Gast war auch die Mathematikerin und Bundesforschungsministerin Johanna Wanka.

Wanka hob Karl Weierstraß‘ Verdienste für die Mathematik und seine Förderung von Sofja Kowalewskaja, der weltweit ersten Mathematikprofessorin, hervor. „Weierstraß war mit seiner Unterstützung für Sofja Kowalewskaja ein Vorreiter für die Chancengleichheit in der Wissenschaft.  Das Thema ist auch heute noch hochaktuell: Frauen und Männern gleiche Karrierechancen in der Wissenschaft zu bieten, ist eine zentralen wissenschaftspolitische Aufgabe, für die sich mein Ministerium besonders stark macht“, sagte die Bundesforschungsministerin.

„Als Beamter in der öffentlichen Verwaltung hast Du eine sichere Stellung“, so ähnlich wird es Vater Weierstraß seinem Sohn nahegelegt haben. Doch das Herz von Karl Weierstraß, geboren am 31. Oktober 1815 in der Nähe von Warendorf bei Münster, schlug für die Mathematik. So brach er sein Studium der Kameralistik, also des öffentlichen Verwaltungswesens, entgegen dem väterlichen Wunsch nach zwei Jahren ab und studierte Mathematik auf Lehramt.

Anschließend arbeitete er als Gymnasiallehrer, zunächst in Münster, später in Deutsch-Krone (Westpreußen) und in Braunsberg (Ostpreußen). Daneben ging er seiner wahren Leidenschaft nach und entwickelte seine Theorie der Abelschen Funktionen. Er war schon fast 40 Jahre alt, als er seine Ergebnisse schließlich 1854 in dem angesehenen Crelle’schen Journal veröffentlichte – zu spät für den Start einer wissenschaftlichen Karriere, würde man heute vermuten. Doch wurde Weierstraß durch den Artikel schlagartig in mathematischen Kreisen bekannt. Die Universität Königsberg verlieh ihm 1854 die Ehrendoktorwürde, und er erhielt zahlreiche Stellenangebote.

Auch in Berlin versuchte man, Weierstraß für sich zu gewinnen. Ab 1856 unterrichtete er am Königlichen Gewerbeinstitut Berlin, einem der Vorgängerinstitute der Technische Universität. Der Berliner Universität war er ab 1858 durch eine Außerordentliche Professur verbunden, erst sechs Jahre später erhielt er dort eine Ordentliche Professur. Seine Vorlesungen hatten von den Studenten großen Zulauf – er wiederholte nicht wie viele seiner Kollegen die immer gleichen althergebrachten und abgesicherten Inhalte, sondern er diskutierte dort die neuesten Erkenntnisse der Mathematik. So konnte er die jungen Leute mit seiner Begeisterung und seinem Wissensdrang anstecken. Später wurde er Dekan der Philosophischen Fakultät und Rektor der Berliner Universität.

Weierstraß freute sich, wenn Mitschriften seiner Vorlesungen weiterverbreitet wurden, und unterstützte junge Talente. Insbesondere die Förderung von Sofja Kowalewskaja (1850 – 1891) ging in die Wissenschaftsgeschichte ein. Da Frauen noch nicht für das Studium zugelassen waren, erteilte er ihr Privatvorlesungen. Sofia Kowalewskaja wurde schließlich Professorin in Stockholm und war die erste Frau, die eigenständig Vorlesungen hielt.

Eine herausragende mathematische Leistung von Karl Weierstraß ist die Genauigkeit und Strenge, mit der er die Analysis auf neue Füße gestellt hat. Er hat sehr tief darüber nachgedacht, wie man die fundamentalen Begriffe genau fassen kann, so dass keine Widersprüche entstehen. Seine Kollegen waren oft nicht so gründlich – dann brachte Weierstraß gern ein Gegenbeispiel. Diese waren allseits gefürchtet. So hieß eine von ihm konstruierte Funktion „Monsterfunktion“. Die Mathematiker waren bis dahin davon ausgegangen, dass jede stetige Funktion bis auf wenige Ausnahmestellen überall differenzierbar ist. Weierstraß konstruierte daraufhin eine stetige Funktion, die nirgends differenzierbar ist.

Bis ins hohe Alter widmete sich Weierstraß der Mathematik und hielt Vorlesungen. Er trug viel zu einer der Glanzzeiten der Berliner Mathematik bei und war hoch geehrt.
Das Grab von Karl Weierstraß auf dem Sankt-Hedwig-Friedhof I in Berlin-Mitte wurde 1961 zu einem Opfer des Baus der Berliner Mauer, die genau über dem Grab verlief. Daher wurde einige Meter entfernt eine Grabstätte eingerichtet, die bis 2014 den Status eines Ehrengrabes hatte, der ihm allerdings dann bedauerlicherweise wieder aberkannt wurde.

Das Berliner Weierstraß-Institut ehrt seinen Namenspatron zu seinem 200. Geburtstag am 31. Oktober 2015 mit einem Festakt in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Es gab acht historische Vorträge zum Leben und Werk von Karl Weierstraß. Diese Vorträge basieren auf dem Festband „Karl Weierstraß (1815 – 1897). Aspekte seines Lebens und Werkes“, herausgegeben von Wolfgang König und Jürgen Sprekels (Springer Verlag).

Foto: v.l.n.r.: Prof. Dr. Wolfgang König (WIAS, Bevollmächtigter Vertreter des Direktors), Prof. Dr. Peter A. Frensch (Vizepräsident für Forschung der Humboldt-Universität zu Berlin), Prof. Dr. Gert G. Wagner (Leibniz-Gemeinschaft, Präsidium), Dr. Jutta Koch-Unterseher (Senatsverwaltung für Wirtschaft), Prof. Dr. Martin Grötschel (Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften), Prof. Dr. Johanna Wanka (Bundesministerin für Bildung und Forschung), Prof. Dr. Alexander Mielke (WIAS, Bevollmächtigter Vertreter des Direktors)

Kontakt:

Weierstraß-Institut für Angewandte Analysis und Stochastik (WIAS)
Dr. Torsten Köhler
(030) 20372-582
Torsten.Koehler@wias-berlin.de
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