Schädelmissbildungen bei Löwen
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IZW – 09.04.2014:

Schädelmissbildungen bei Löwen

Ein internationales Wissenschaftsteam unter der Leitung von ForscherInnen der Hebräischen Universität in Jerusalem und dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin untersuchten Schädelmissbildungen bei Löwen, die für neurologische Erkrankungen und eine erhöhte Sterblichkeit verantwortlich gemacht werden. Die Ergebnisse zeigen, dass diese Missbildungen durch eine Verschränkung von Umweltbedingungen und Erbanlagen entstanden sein könnten. Die Ergebnisse wurden jetzt im wissenschaftlichen Online-Journal PLOS ONE veröffentlicht.

Die WissenschaftlerInnen untersuchten die Morphologie von 575 Löwenschädeln, die sich in Sammlungen von Museen in Nordamerika, Europa, Asien und Afrika befinden und entweder aus dem Freiland oder aus der Gefangenschaft stammten. Die ForscherInnen verglichen die Ergebnisse mit den Schädeln von Tigern, einer ebenfalls rein fleischfressenden Raubtierart vergleichbarer Körpergröße. Während die Schädel von Tigern aus Gefangenschaft oder Wildnis ähnlich waren, wurden bei den Löwenschädeln große Unterschiede festgestellt.

Löwen werden seit Jahrzehnten in Gefangenschaft gehalten, und obwohl sie sich gut fortpflanzen, gibt es eine hohe Zahl von Totgeburten, sowie häufige Fälle von Krankheit und Sterblichkeit bei Neugeborenen und jungen Löwen. Viele dieser Fälle gehen auf Fehlbildungen der Schädelknochen zurück. So kommt es oftmals zu einer Verengung des Foramen magnum - der Öffnung an der Hinterseite des Schädels, durch die das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden ist.

Die wissenschaftliche Kooperation zwischen der Hebräischen Universität in Jerusalem, dem IZW Berlin, der Universität Oxford, dem Zoologischen Zentrum Tel Aviv-Ramat Gan und den Blue Pearl NYC Veterinary Specialists zeigte, dass nur bei 0,4 Prozent der Löwenschädel aus dem Freiland eine Verengung des Foramen magnum vorlag. Bei Löwenschädeln aus der Gefangenschaft trat dieses Problem um das vierzigfache häufiger auf (15,8 Prozent der Tiere). Die Schädel von Tieren aus der Gefangenschaft waren zudem breiter und hatten ein kleineres Schädelvolumen. Diese Ergebnisse bei Löwen (und ihr Fehlen bei Tigern) weisen darauf hin, dass das Auftreten der Pathologie bei Löwen durch die Verschränkung von Umweltbedingungen und genetischer Veranlagung beeinflusst wird. „Die morphologischen Veränderungen, die bei vielen Löwenschädeln aus Gefangenschaft gefunden wurden, legen nahe, dass einige der Löwen an diesen Veränderungen starben, da das Hinterhirn und die Wirbelsäule durch die abnorme und übermäßige Deformation der Knochen zusammengestaucht wurden. Dies erzeugt neurologische Anomalien“, sagt Dr. Merav Shamir von der Hebräischen Universität Jerusalem. „Es wäre interessant zu wissen, ob dies ein besonderes Problem bei Löwen ist. Ähnliche Untersuchungen an anderen großen Katzen wären zur Aufklärung des Problems sehr hilfreich“, fügte Dr. Nobuyuki Yamaguchi von der Universität Oxford hinzu.

Die abnormale Schädelmorphologie von Löwen in Gefangenschaft wurde schon seit dem 15. Jahrhundert dokumentiert und ist seitdem Gegenstand vieler Untersuchungen. „Trotzdem ist die Ursache für diese morphologischen Veränderungen noch nicht bekannt“, sagt Dr. Joseph Saragusty vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Der Verlust von Löwen durch diese  Erkrankung in Gefangenschaft macht deutlich, dass weitere Untersuchungen nötig sind, um die Häufigkeit ihres Auftretens zu vermindern.

loewenschaedelBildtitel:
Foramen magnum von Löwenschädeln (Panthera leo); rechts: Schädel eines gesunden Löwen, links: missgebildeter Schädel. Foto: Dr. Merav Shamir

Bildbeschreibung:
Rückansicht von zwei Löwenschädeln aus Museumsbestand. Das Foramen magnum ist die Öffnung an der Hinterseite des Schädels, durch die das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden ist. Der rechte Schädel mit einer normal großen Öffnung gehörte zu einem erwachsenen Weibchen aus dem Freiland. Der linke Schädel gehörte zu einem jungen Männchen aus einem Zoo und hat ein verengtes Foramen magnum, das durch übermäßiges Knochenwachstum  an der Öffnung verursacht wurde.


Publikation

Saragusty J, Shavit-Meyrav A, Yamaguchi N, Nadler R, Bdolah-Abraham T, Gibeon L, Hildebrandt TB, Shamir MH. Comparative skull analysis suggests species-specific captivity-related malformation in lions (Panthera leo).
PLOS ONE, DOI: 10.1371/journal.pone.0094527

Kontakt

Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW)
Dr. Joseph Saragusty
Tel: +49 30 5168-443
saragusty@izw-berlin.de

Koret School of Veterinary Medicine,
The Hebrew University of Jerusalem
Dr. Merav H. Shamir
Tel.: +972 54 8820-538
merav.shamir@mail.huji.ac.il
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