Interview | IZW | 10-07-2020

Evolutionäre Wildtierforschung für den Artenschutz – eine Mission für das Anthropozän

Interview mit Prof. Dr. Heribert Hofer, Direktor des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)

Elefanten in einem Reservat in Kenia - selbst an Rückzugsorten ist der anthropogene Einfluss auf Wildtiere beträchtlich. | Foto: Jan Zwilling

Im Jahr 2016 traf eine vorrangig aus Geowissenschaftlern bestehende Expertengruppe eine bemerkenswerte Entscheidung: Sie erklärten den Beginn einer neuen Epoche der Erdgeschichte, dem Anthropozän. Der menschliche Einfluss auf die Gestalt und die Funktionsweise unseres Planeten habe nach ihrem Dafürhalten in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Ausmaß erreicht, der es rechtfertigt, vom Menschen als prägendsten Faktor eines Erdzeitalters auszugehen. Die Hüter über die Benennung der Erdzeitalter sind zwar Geologen, doch die Implikation dieses Begriffes geht weit über die Grenzen dieser Disziplin hinaus. Insbesondere Umwelt- und Lebenswissenschaftler dokumentieren seit Jahrzehnten enorme Veränderungen im Klima, in der biologischen Vielfalt (Biodiversität) oder in Nährstoffkreisläufen. Auch für eine Wildtierforschung für den Artenschutz kann – oder gar muss – das Anthropozän der bestimmende Referenzrahmen sein, sagt der Direktor des Leibniz-IZW Prof. Heribert Hofer.

Herr Professor Hofer, Veränderungen hat es auf der Erde immer gegeben, auch die Tierwelt musste sich ständig an sich wandelnde Umweltbedingungen anpassen. Was ist jetzt anders?

Es ist zunächst anders, dass die Veränderungen im Wesentlichen menschengemacht sind. Die aus der Perspektive der Organismen wie der Geowissenschaftler oder Naturschützer interessante Frage ist, ob und inwieweit sich die menschengemachten Veränderungen in ihrem Tempo und ihren räumlichen Dimensionen grundsätzlich von „natürlichen“ Prozessen unterscheiden. Das tun sie – Tempo als auch globale Wirksamkeit sind ungewöhnlich und vergleichbar mit lediglich fünf Ereignissen in der Erdgeschichte, in denen sich die klimatischen Bedingungen, Lebensräume und Lebensumstände ähnlich dramatisch schnell und global veränderten wie jetzt im Anthropozän. Im jetzigen Anthropozän ist die Rate des Artensterbens um das Hundert- bis Tausendfache höher als im erdgeschichtlichen Normalfall. Das ist schon beeindruckend – und bedrückend.

Was bedeutet es für die Forschung zum Arten- und Biodiversitätsschutz des Leibniz-IZW, wenn sie in den Kontext etwas nie zuvor Dagewesenem gestellt wird?

Es bedeutet, die Notwendigkeit zu einer klaren Neuorientierung einzusehen, Risiken einzugehen und liebgewonnene Denkgewohnheiten in ökologischen und anderen lebenswissenschaftlichen Disziplinen zu reflektieren und aufzugeben. Neuorientierung: Beispielsweise haben wir unser Forschungsengagement in Südostasien (Borneo, Vietnam) massiv aufgebaut, seitdem klar wurde, dass dort nicht nur ein Biodiversitäts-Hotspot ist, sondern auch einer der drei globalen Aussterbe-Hotspots. Risiken: Die bisherigen konventionellen Denkansätze und Methoden reichen für hochbedrohte Arten, bei denen jedes einzelne Individuum zählt, einfach nicht mehr aus. Für solche Arten sind Erkenntnisse und Optionen, die uns assistierte Reproduktionstechniken liefern, absolut essenziell. Deshalb erkunden wir auch die Leistungsfähigkeit dieser Techniken in ihrer ganzen Bandbreite, bis hin zum Einsatz von Stammzelltechniken, um auch Gewebe bereits verstorbener Individuen im Sinne der Maximierung der genetischen Vielfalt innerhalb einer Art wieder „zum Leben zu erwecken“. Denkgewohnheiten: Einerseits – naturschutzorientierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler forschen am liebsten an Arten und Lebensgemeinschaften in Schutzgebieten, weil dort „natürliche“ Zustände herrschen und deshalb die Erkenntnisse als besonders wertvoll galten. Wir haben diese Perspektive umgedreht und interessieren uns jetzt vor allem für vom Menschen neu geschaffene oder besonders dominierte Lebensräume wie den urbanen Raum und die angrenzende ländliche Kulturlandschaft. Diese stellen „Landschaftslabore“ dar, in denen wir live beobachten und erfassen können, wie und wie gut Wildtierarten ihre von ihren Vorfahren ererbten Merkmale / Fähigkeiten bei der Bewältigung täglicher Herausforderungen im menschengemachten Lebensraum einsetzen (können). Außerdem – die gegenwärtige wie zukünftige Forschung und Naturschutzaktivitäten kommen nicht darum herum, die Wildtierbestände im Freiland und in menschlicher Obhut (insbesondere den zoologischen Gärten) zusammen zu denken, also im Sinne eines integrierten Naturschutzansatzes zu handeln, den die Weltnaturschutzorganisation IUCN als „One Plan“-Ansatz bezeichnet. Das erhöht die Relevanz der Zootierbestände für den Naturschutz und zwingt Forschung wie Naturschutz, Zoobestände als relevant und wertvoll anzusehen.

Die enorme Geschwindigkeit des globalen Umweltwandels ist eine der zentralen Herausforderungen für die Wissenschaft. Welche Strategie verfolgt das Leibniz-IZW, um Analysen, Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen quasi in Echtzeit zu entwickeln?

Das ist in der Tat die Schlüsselherausforderung. Eine der wichtigsten Gründe, warum trotz vieler Bemühungen Arten weiter so zahlreich aussterben und in größte Bedrängnis geraten, ist die Zeit, die vergeht, um ein Problem zu erkennen, sein Ausmaß sicher zu dokumentieren und dann Handlungsempfehlungen zu entwickeln. Es kann nicht sein, dass es selbst bei charismatischen großen Wildtieren wie Nashörnern oder anderen Arten bis zu sieben Jahre dauert, bis sich herausstellt, dass der vermutete Bestand von 150 Tieren zum Zeitpunkt X bereits damals nicht mehr als zehn Tiere betrug –  und das ist nur eines von mehreren konkreten Beispielen, die wir aus der eigenen Arbeit kennen. Wenn solche einfachen und wichtigen Informationen verlässlich bekannt sind, dann können wir auch jetzt schon mit unseren mathematischen Modellierungsansätzen zukünftige Entwicklungen prognostizieren und mit unseren Ansätzen in der assistierten Reproduktion unmittelbar zu einer verbesserten Fortpflanzung und Bestandserhöhung beitragen. Wir denken, dass wir eine solche Verbesserung in der Geschwindigkeit von der Problemerfassung bis zur Analyse und Handlungsempfehlung nur durch den umfassenden Einsatz von „Hightech“ hinbekommen, also dem Einsatz der seit kurzer Zeit zur Verfügung stehenden und sich rasant entwickelnden Technologien. Diese können den zeitlichen Aufwand erheblich verkürzen, die Zuverlässigkeit der erhobenen Daten steigern und die Bestandserfassung und Einschätzung der Situation vor Ort über riesige Räume ermöglichen.

Welche Hoffnungen setzen Sie in die „Hightech-Strategie“ für die Wildtierforschung? Besteht noch eine Chance, das Massenaussterben von Arten zu verlangsamen oder zu gar zu verhindern?

Wir sind Berufsoptimisten, also lautet die Antwort ja. Dafür müssen wir zuerst unsere „Hausaufgaben“ machen und in der Forschung umfassend die neuen Möglichkeiten nutzen, die uns die zurzeit rasch voranschreitenden neuen Technologien bieten, von den atemberaubenden Möglichkeiten der Omics-Methoden in den molekular und zellulär ausgerichteten Lebenswissenschaften bis hin zu den demnächst zur Verfügung stehenden massiven Fortschritten in der Fernerkundung und einer daran gekoppelten Satelliten-gebundenen Kommunikation, bei der wir in intelligenter Weise Wildtiere, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie selbst Strafverfolgungsbehörden (bei der Wilderei etwa) verknüpfen wollen. Dies würde eine Erfassung wichtiger Lebensräume und bedrohter Wildtierarten in Fast-Echtzeit ermöglichen und den Vorlauf für Naturschutz-relevante Aktivitäten von mehreren Jahren auf Monate oder sogar Wochen verkürzen. Diese neuen Technologien sind allerdings teuer, es bedarf hier also zusätzlicher finanzieller Unterstützung. Zweitens wollen wir ganz offensiv auch die „menschliche“ Komponente vorantreiben, die im Naturschutz und der dafür relevanten Forschung häufig hintangestellt wird. Für uns bedeutet das, den Kontakt mit der Öffentlichkeit und vielen gesellschaftlichen Gruppen und Interessenvertretern zu intensivieren, die bei Konflikten mit Wildtieren beteiligt sind. Wir wollen mit ihnen gemeinsam Forschungsfragen entwickeln, sie enger in Forschungsaktivitäten einbinden und zugleich besser verstehen, welche Faktoren, Kenntnisse und Prozesse bei Beteiligten zu Haltungsänderungen und vielleicht sogar Verhaltensänderungen führen – eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen von Naturschutzbemühungen.

Das Interview führte Jan Zwilling.

Film
"Evolutionary wildlife research for conservation - our mission for the Anthropocene”: https://youtu.be/32ZiCJwQKYo

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