Pressemitteilung | MBI | 05-06-2026

Magnon-Momentum-Mikroskopie: Ein neues Fenster in die Welt der nanoskaligen Spinwellen

Ein internationales Team unter der Leitung des Max-Born-Instituts hat eine neue Art der Momentum-Mikroskopie entwickelt, mit der Magnonen – die Quanten kollektiv angeregter Spins – mithilfe von Weichröntgenstrahlung direkt im zweidimensionalen reziproken Raum abgebildet werden können.

Abbildung 1: Ebenwellige Magnonen breiten sich von einem Spinwellensender weg aus, wie der bläuliche Kontrast der Magnetisierung außerhalb der Ebene zeigt. Die resonante magnetische Weichröntgenstreuung mit den Magnonen führt zu Beugungsmaxima +1. Und -1. Ordnugn auf dem Detektor, wodurch ihr Wellenvektor kSW direkt im reziproken Raum sichtbar wird. | Abb.: MBI

Abbildung 2: Darstellung der Abhängigkeit nichtlinearer Magnonprozesse von der Anregungsleistung. Bei einer Anregungsfrequenz von fRF = 8,84 GHz lässt sich mittels der Magnon-Momentum-Mikroskopie ein Übergang von linearer Anregung (links) zu einem nichtlinear angeregten elliptischen Ring (Mitte) und höheren bzw. fraktionalen Harmonischen (rechts) direkt beobachten. Die roten gestrichelten Linien stellen theoretische Dispersions-Isofrequenzkurven für die markantesten Harmonischen dar. | Abb.: MBI

Dank ihrer bemerkenswerten Empfindlichkeit, Einfachheit und der Möglichkeit, Wellenlängen im Nanometerbereich aufzulösen, bildet diese neuartige Methode eine leistungsstarke und vielseitige Plattform für die Erforschung nichtlinearer Magnonen-Wechselwirkungen, die vielversprechend für zukünftige Rechenkonzepte sind.

Spins – die Bausteine des Magnetismus – sind nicht starr. Aufgrund ihrer starken Kopplung über vergleichsweise große Entfernungen lassen sie sich leicht anregen und zeigen auch wellenartige Dynamiken. Die Erforschung dieser Spinwellen liefert seit Jahrzehnten tiefe Einblicke in die grundlegende Physik magnetischer Materialien. In jüngerer Zeit haben Magnonen – die Quanten dieser kollektiven Anregungen – wachsendes Interesse für Computerkonzepte der nächsten Generation geweckt, da sie eine Informationsverarbeitung auf Basis von Wellen statt des Elektronenflusses ermöglichen, was Energieverluste potenziell reduzieren würde.

Forscher verkleinern die Wellenlängen der Magnon in den Nanometerbereich, was gleichzeitig Frequenzen im Terahertz-Bereich entspricht – etwa 100-mal schneller als die heutigen CPU-Taktraten. Einerseits sind solche kurzen Wellenlängen für die Integration in moderne Gerätearchitekturen unerlässlich. Andererseits ist der Zugang zu den Eigenschaften von Spinwellen und ihren Wechselwirkungen in diesem Bereich weitgehend Neuland und stellt nach wie vor eine große experimentelle Herausforderung dar.

Nun hat ein Forscherteam des Max-Born-Instituts (MBI) in Zusammenarbeit mit dem Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB), der Università degli Studi di Napoli Federico II (UniNa) und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) eine leistungsstarke neue Methode zur Beobachtung von Spinwellen im Nanobereich entwickelt. Die als Magnon-Momentum-Mikroskopie (MMM) bezeichnete Technik nutzt resonante weiche Röntgenstrahlung, um kurzwellige Magnonen direkt nachzuweisen.

Im Experiment wirken Magnonen wie ein dynamisches Beugungsgitter für weiche Röntgenstrahlung. Anhand des resultierenden Beugungsmusters können die Forschenden in einer einzigen Messung die Magnonenwellenlängen und -amplituden über die gesamte zweidimensionale Probenebene bestimmen.

„Wir können nun die Eigenschaften von Magnonen und ihre vollständige Verteilung im reziproken Raum direkt beobachten“, sagt Steffen Wittrock, Erstautor der Studie. „Dies eröffnet uns völlig neue Einblicke in die Dynamik von Magnonen.“

Das Verfahren verbindet hohe Empfindlichkeit mit schneller Datenerfassung und erfordert keine komplexe Nanostrukturierung der Probe. Es ist mit einer Vielzahl von Anregungsschemata kompatibel und somit für viele magnetische Systeme breit einsetzbar.

Mithilfe von MMM untersuchte das Team Magnonen im prototypischen magnetischen Material Yttrium-Eisen-Granat (YIG). Bei hohen Anregungsstärken beobachteten sie, dass sich Magnonen nicht einfach in eine einzige Richtung ausbreiten. Stattdessen verteilen sie sich im reziproken Raum neu und bilden charakteristische Muster, die auf starke nichtlineare Wechselwirkungen hindeuten.

Besonders ist, dass die Experimente eine omnidirektionale Population von Magnonen zeigen, die im reziproken Raum einen elliptischen Ring bilden – ein direkter Beweis für einen Vier-Magnon-Streuprozess. Bei diesem Mechanismus interagieren zwei Magnonen und erzeugen zwei neue Magnonen mit unterschiedlichen Ausbreitungsrichtungen.

„Während solche nichtlinearen Wechselwirkungen bei homogenen Spinwellenmoden bereits bekannt sind, haben wir eine allgemeinere Form der Vier-Magnon-Streuung entdeckt, an der sich ausbreitende Magnonen beteiligt sind“, erklärt Salvatore Perna, der das theoretische Modell entwickelt hat. „Unsere Analyse zeigt, dass sie aus einer parametrischen Instabilität von Magnonen bei endlichen Wellenvektoren entsteht, wodurch Energie auf viele weitere Moden verteilt wird.“

Über diese erste Demonstration hinaus bietet MMM eine vielseitige Plattform für die Untersuchung der Spinwellenphysik in einer Vielzahl von Systemen. Die einzigartige Kombination von hoher Empfindlichkeit, Elementspezifität und direktem Zugang zu Wellenlängen im Nanometerbereich hebt sie deutlich von bestehenden Techniken ab.

Die Forschenden erwarten, dass MMM neue Einblicke in die nichtlineare Magnonik, Modenkopplung und wellenbasierte Phänomene in magnetischen Materialien ermöglichen wird. Zukünftige Entwicklungen könnten die Technik auf ultraschnelle Zeitskalen und auf Systeme ausweiten, die bei viel höheren Frequenzen arbeiten, darunter auch Antiferromagneten.

Soft-X-ray momentum microscopy of nonlinear magnon interactions
Steffen Wittrock, Christopher Klose, Salvatore Perna, Korbinian Baumgaertl, Andrea Mucchietto, Michael Schneider,Josefin Fuchs, Victor Deinhart, Tamer Karaman, Dirk Grundler, Stefan Eisebitt, Bastian Pfau, Daniel Schick 
Nature Physics, Volume 22 (2026) 

Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie
Christopher Klose
Tel.: 030 6392-1389
E-Mail: Christopher.Klosembi-berlin.de 

Prof. Dr. Stefan Eisebitt
E-Mail: Stefan.Eisebittmbi-berlin.de