In den Untersuchungen wurde erstmals ein genomweiter Datensatz aus mehreren Zweifingerfaultier-Populationen genutzt, der zeigt, dass Umweltveränderungen die Evolutionsgeschichte der Faultiere maßgeblich geprägt haben. Die Forscher:innen betonen, dass die Einordnung der Faultierarten sowie ihre Schutzbewertungen und Schutzmaßnahmen dringend überarbeitet werden müssen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Molecular Phylogenetics and Evolution“ veröffentlicht.
Das Amazonasgebiet ist einer der wichtigsten Biodiversitätshotspots der Erde. Bisher gingen Forschende davon aus, dass es dort zwei Arten von Zweifingerfaultieren gibt: das Hoffmann-Zweifingerfaultier (Choloepus hoffmanni) und das Eigentliche Zweifingerfaultier (Choloepus didactylus). Die von einem internationalen Forschungskonsortium unter Leitung des Leibniz-IZW durchgeführte Genomanalyse zeigt nun, dass einige derzeit als Hoffmann-Zweifingerfaultier klassifizierte Populationen, die östlich der Anden vorkommen, tatsächlich näher mit dem Eigentlichen Zweifingerfaultier (Choloepus didactylus) verwandt sind. Die Ergebnisse legen nahe, dass bisher unbekannte Choloepus-Linien existieren und die Gattung, anders als bislang angenommen, aus mindestens drei Arten bestehen könnte. Die Studie lässt vermuten, dass die Aufspaltung dieser Linien mit dem Beginn der klimatischen Veränderungen im Pleistozän und der letzten Phase der Andenhebung zusammenfällt. Infolgedessen entstanden geografische Barrieren, die eine Trennung der ursprünglichen Population in mehrere voneinander isolierte Populationen bewirkten.
Über die Taxonomie hinaus liefert die neue Forschungsarbeit entscheidende demografische Erkenntnisse für den Naturschutz in der Region. Die Faultierpopulationen im Amazonasgebiet, insbesondere die der ostamazonischen Linie, weisen eine geringere genetische Vielfalt und einen höheren Inzuchtgrad auf. Nach Ansicht der Autor:innen hängen diese Muster mit der klimatischen Instabilität der Region und der zunehmenden Entwaldung zusammen, insbesondere im sogenannten „Entwaldungsbogen“, einer stark von Rodung geprägten Region am südlichen und östlichen Rand des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes. Die neuen genomischen Erkenntnisse legen nahe, dass diese eigenständigen evolutionären Abstammungslinien des Zweifingerfaultiers eine Neubewertung der Artenschutzmaßnahmen erfordern, um deren einzigartige genetische Vielfalt angesichts der zunehmenden Bedrohungen durch Lebensraumverlust und -fragmentierung zu bewahren.
„Amazonas-Faultiere sind sowohl Relikte einer uralten evolutionären Vergangenheit als auch Zeugen der heutigen Entwaldung. Die Entdeckung kryptischer, also bislang unerkannter, Abstammungslinien und potenziell neuer Arten unterstreicht die Dringlichkeit, die Faultierforschung voranzutreiben – eine Mission, die unsere Forschungsgruppe aktiv verfolgt“, sagt Dr. Camila J. Mazzoni, leitende Autorin der Studie und Leiterin der IZW-Forschungsgruppe „Evolutions- und Naturschutzgenomik“.
An dieser in enger Zusammenarbeit durchgeführten internationalen Studie waren Forscher:innen der Abteilung für Evolutionsgenetik des Leibniz-IZW beteiligt, sowie des Berliner Zentrums für Genomik in der Biodiversitätsforschung (BeGenDiV), der Bundesuniversität von Minas Gerais (UFMG), des Instituto Nacional de Pesquisas da Amazônia (INPA), der Bundesuniversität von Rondônia, des Institut Pasteur de la Guyane sowie verschiedene Naturschutz-NGOs, die sich für den Schutz der Nebengelenktiere engagieren, wie beispielsweise das Instituto Tamanduá. Die Studienergebnisse liefern eine wichtige Grundlage für die künftige Ausrichtung des Faultier-Schutzes und verdeutlichen die Bedeutung der Genomforschung für die Aufdeckung bislang unbekannter Arten im Amazonasgebiet

