Pressemitteilung | IGB | 23-04-2026

Neues IGB Dossier: Die ökologische Entwicklung des Stechlinsees seit 2021

Gewässerqualität hat sich verbessert, aber weitere Entwicklung offen – Maßnahmen mit Bedacht planen

Die Gewässerqualität des Stechlinsees hat sich in den letzten 15 Jahren teilweise turbulent entwickelt. | Foto: Michael Feierabend

Der Stechlinsee ist einer der größten und tiefsten Klarwasserseen Norddeutschlands. Die Gewässerqualität hat sich in den letzten 15 Jahren teilweise turbulent entwickelt: Bis 2020 verschlechterte sich der ökologische Zustand des Sees zunehmend und unerwartet schnell, was vor allem mit einem starken Anstieg der Phosphorkonzentration im Seewasser zusammenhing. Seit 2021 konnte dann überraschend ein umgekehrter Trend beobachtet werden: Die Phosphorkonzentration ist stark abgefallen und war 2025 nur noch knapp halb so hoch wie zum Zeitpunkt der Maximalwerte im Jahr 2020. Dies ist ein Zeichen der zwischenzeitlichen Entspannung – jedoch noch keine Entwarnung. Denn ob diese Entwicklung anhält, bleibt abzuwarten. Die zwischenzeitlichen Entwicklungen und neuen Erkenntnisse zu dieser Dynamik im Stechlinsee erläutern Forschende des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in einem neuen IGB Dossier. Darin geben sie auch eine Einschätzung, welche Folgeaktivitäten nun sinnvoll erscheinen.

„Wir können den Wunsch, schnelle Erklärungen und Lösungen für den Stechlinsee zu finden, sehr gut verstehen. Denn wir forschen im, am und auf dem See und fühlen uns ihm ebenfalls sehr verbunden“, erklärt Dr. Sabine Wollrab, Co-Leiterin der Abteilung Plankton- und Mikrobielle Ökologie, die ihren Standort direkt in Neuglobsow am Seeufer hat. „Doch das Ökosystem eines so großen Sees ist sehr komplex, es gibt viele Prozesse und Dynamiken, die sich gegenseitig beeinflussen.“ 

Durch neuere Untersuchungen des IGB lassen sich einige Aspekte dieser Dynamik inzwischen besser nachvollziehen: Die Forschenden fanden heraus, dass nicht nur Prozesse in den Sedimenten der tieferen Bereiche des Seebeckens den natürlichen Phosphor-Rückhalt im See beeinflussen, sondern auch die Flachwasserbereiche des Sees eine entscheidende Rolle spielen. Darunter versteht man die Zonen, in denen noch Licht bis zum Seegrund durchdringt. Dies trifft am Stechlinsee auf Bereiche bis etwa 20 Meter Wassertiefe zu, was 46 Prozent der gesamten Seefläche entspricht. Insbesondere Veränderungen bei den dort vorkommenden Unterwasserpflanzen und die reduzierte Fähigkeit der Sedimente, Phosphor zu binden, verstärkten die dynamische Zunahme der Phosphor-Konzentration im Wasserkörper. Der Auslöser für die Veränderungen in der Zusammensetzung der Unterwasserpflanzen ist jedoch weiterhin unbekannt.

Wissenschaftliche Einordnung der Machbarkeitsstudie zur ökologischen Verbesserung des Stechlinsees

Im frei verfügbaren IGB Dossier nehmen die Wissenschaftler*innen auch eine eigene forschungsbasierte Einordnung der vom Land Brandenburg finanzierten Machbarkeitsstudie und ihrer Schlussfolgerungen bezüglich potenzieller Maßnahmen zur Verbesserung des ökologischen Zustands des Stechlinsees vor. Die Studie wurde nach öffentlicher Ausschreibung durch ein Konsortium aus Fachbüros erstellt, die Arbeiten wurden auch in einer vom Ministerium für Land- und Ernährungswirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Brandenburg (MLEUV) eingerichteten Arbeitsgemeinschaft (AG Stechlin) diskutiert. 

Die IGB-Forschenden schließen sich der Einschätzung an, dass aufgrund der positiven Entwicklung der letzten Jahre aktuell keine großskaligen Maßnahmen zur Phosphor-Reduktion erforderlich sind. Da die Dynamik im Stechlinsee aber sehr komplex und noch nicht vollständig verstanden ist, kann ein erneuter Nährstoffanstieg jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Intensive Befischung ist keine „No-regret“-Maßnahme

Parallel dazu wird aktuell darüber diskutiert, welche niedrigschwelligen Maßnahmen zur Prävention einer erneuten Eutrophierung sowie zur Verbesserung des ökologischen Zustands trotzdem schon jetzt ergriffen werden könnten. In der Machbarkeitsstudie sowie von einigen Akteur*innen in der begleitenden AG Stechlin wurde dabei eine intensive Abfischung und Tötung von Weißfischen als so genannte No-regret-Maßnahme vorgeschlagen. Darunter sind vorsorgliche Maßnahmen zur Abwehr oder Milderung möglicher Risiken zu verstehen, die entweder keine Kosten verursachen oder zusätzliche Vorteile bieten. Sie gelten auch dann als sinnvoll, wenn sich der ursprünglich angenommene Wirkungszusammenhang im Nachhinein als unbedeutend erweist.

„Aus Forschungssicht ist diese Einschätzung der Befischung als reuelose und unproblematische Maßnahme falsch. Ein negativer Wirkungszusammenhang von Fischen auf die Wasserqualität ist im Stechlinsee nicht erwiesen. Trotzdem schlägt die Machbarkeitsstudie die Entnahme von mehr als sechs Tonnen Weißfisch vor – und dies ohne klare Indikation. Das hieße, tausende bis hunderttausende Fische zu töten. Diese massive Entnahme von einheimischen und lebensraumtypischen Arten wie Blei und Schlei wäre ethisch, tierschutz- und naturschutzrechtlich sehr bedenklich und wäre auch fachlich nicht zu rechtfertigen. Zudem ist das Verhältnis von sehr hohem personellen Aufwand bei fraglicher Wirkung auch aus ökonomischer Sicht kritisch zu hinterfragen“, erläutert Fischökologe Dr. Thomas Mehner, Mitautor des IGB Dossiers.

Die Autorinnen und Autoren empfehlen, dass potenzielle Folgeaktivitäten erst dann eingeleitet werden sollten, wenn der tatsächliche Bedarf besteht und sie fachlich fundiert sind.

Seen sind komplexe Systeme – das IGB möchte mit seinen Analysen zur Ursachenforschung beitragen

„Da weiterhin unklar ist, ob es sich bei der Eutrophierungsdynamik im Stechlinsee um ein einmaliges oder wiederkehrendes Phänomen handelt, sollten einige zentrale Umweltaspekte am und im Stechlinsee noch besser untersucht werden, um die Dynamik besser zu verstehen. Dazu gehören beispielsweise der Einfluss des Grundwassers und der darin transportierten Stoffe, eine genaue Analyse der Sedimente vom Seegrund sowie die Rolle der Flachwasserzonen und des Wasserpflanzenbewuchses“, erklärt Co-Autor Prof. Michael Hupfer.

„Wir werden im Rahmen unseres Institutsauftrags und unserer Ressourcen unser Möglichstes dazu beitragen, die Ursachenforschung am Stechlinsee und das Prozessverständnis voranzutreiben“, erklärt Sabine Wollrab.

„Der Wissensaustausch mit Politik, Behörden, Verbänden, Wirtschaft und Öffentlichkeit ist für das IGB ein zentrales Anliegen. Deshalb werden wir uns und unsere Forschungsexpertise auch weiter konstruktiv in die Diskussion um die Zukunft des Stechlinsees einbringen“, unterstreicht Prof. Hans-Peter Grossart, Co-Leiter der Abteilung Plankton- und Mikrobielle Ökologie.

Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei
Plankton- und Mikrobielle Ökologie
Dr. Sabine Wollrab
Tel.: 033082 699-26
E-Mail: sabine.wollrabigb-berlin.de

Prof. Dr. Hans-Peter Grossart
Tel.: 033082 699-91
E-Mail: hgrossartigb-berlin.de