Pressemitteilung | IZW | 03-11-2026

Wo der Mensch ist, sind auch Wildtiere – aber nicht unbedingt zur selben Zeit

Menschen verändern die Lebensräume von Wildtieren grundlegend.

Grauer Wolf läuft durch das hohe grüne Gras einer sonnigen Lichtung.

Wolf (canis lupus) am Waldrand | Foto: Jan Zwilling, Leibniz-IZW

Für Prädatoren, also Beutegreifer wie Wolf und Fuchs, kann der Mensch dabei gleichzeitig Quelle für Risiko und Ressourcen sein: Menschliche Aktivitäten vertreiben Wölfe, Füchse und Dachse; zugleich bieten menschlich geprägte Landschaften Nahrung und Schutz vor größeren Prädatoren. Wie große Beutegreifer ihre Lebensräume besetzen und miteinander teilen, untersuchten Forschende des Mammal Research Institute, Polish Academy of Sciences (MRI PAS), Białowieża, der Doñana Biological Station (EBD-CSIC), Sevilla, und des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in einem Waldgebiet im Norden Polens. Die Ergebnisse zeigen: Wildtiere nutzen dieselbe Landschaft wie Menschen trotz deren Anwesenheit, sind dort aber zu unterschiedlichen Tageszeiten aktiv.

Der vom Menschen verursachte globale Wandel hat ein beispielloses Ausmaß und eine nie dagewesene Intensität erreicht. Durch intensive Landnutzung und den damit einhergehenden Verlust von Arten verändern wir nachhaltig Lebensräume und Lebensgemeinschaften von Wildtieren. „Wie schaffen es Beutegreifer, sich in stark vom Menschen geprägten Landschaften zurechtzufinden und ihre Nische zu finden? Genau diese Frage hat uns interessiert“, sagt Kathi Kasper, Doktorandin am MRI PAS, EBD-CSIC und dem Leibniz-IZW und Autorin der Studie. Menschen agieren ebenfalls raubtierähnlich; sie stellen durch Jagd und Verkehrsstrukturen ein erhebliches Risiko für Wildtiere dar, schaffen aber auch neue Nahrungsressourcen für Wildtiere in Form von Abfall und manchmal auch Nutztierhaltung. Ähnliche Dynamiken gibt es auch zwischen den Wildtieren selbst: Wölfe können für kleinere Fleischfresser wie Fuchs und Dachs Gefahr bedeuten, gleichzeitig bieten von Wölfen zurückgelassene Kadaver Nahrungsquellen für andere Beutegreifer und Aasfresser.

Koexistenz zwischen Menschen und Raubtieren auf mehreren Ebenen

Forschende des MRI PAS und des Leibniz-IZW untersuchten die Wildtierpopulationen im Tuchola-Wald im Norden Polens, einem rund 3.400 Quadratkilometer großen Waldgebiet, in dem Wölfe nach über einem Jahrhundert der Abwesenheit die Landschaft nun wieder dicht besiedeln. Mithilfe systematisch aufgestellter Kamerafallen erfassten die Forschenden die Habitatnutzung von Wölfen (Canis lupus), Rotfüchsen (Vulpes vulpes), Dachsen (Meles meles) und Mardern (Martes spp.). Dabei erfassten die Kameras auch menschliche Aktivitäten, Beutevorkommen sowie freilaufende Hauskatzen.

Die Auswertung der Kamerafallendaten erfolgte auf zwei räumlichen Ebenen. Auf der größeren Landschaftsebene untersuchten die Forschenden, welche Faktoren das Vorkommen der verschiedenen Arten bestimmen. Auf der kleineren Ebene lag der Fokus darauf, wie die Tiere innerhalb dieser Landschaften ihre Aktivitäten und die Raumnutzung aneinander anpassen. Denn genau dieser Vergleich liefert einen entscheidenden Hinweis darauf, wie Koexistenz, also das Zusammenleben, zwischen Nahrungskonkurrenten und Fressfeinden funktionieren kann.

„Wenn wir verstehen wollen, wie Wildtiere mit Menschen und miteinander auskommen, müssen wir genau hinschauen, auf welcher räumlichen Ebene wir deren Vorkommen messen. Auf der Ebene der gesamten Landschaft können Wölfe durchaus mit Menschen zusammen vorkommen. Das bedeutet aber nicht, dass sie sich auch am selben Ort und zur selben Zeit begegnen“, erklärt Dries P. J. Kuijper vom MRI PAS.

Nicht unbedingt räumliche Trennung, sondern zeitliches Ausweichen

Auf der großräumigen Ebene zeigt sich, dass Faktoren wie Straßenverkehr und menschliche Tagesaktivitäten für das Vorkommen der Wölfe primär entscheidend sind. Wölfe meiden den Menschen so gut wie möglich und besiedeln zunächst Gebiete, die die größte räumliche Distanz zu menschlichen Siedlungen bieten. Innerhalb der von ihnen genutzten Landschaft und auf einer kleinräumigeren Ebene priorisieren sie dann aber das Auffinden von Beute und das Vermeiden menschlicher Nähe ist nicht mehr der wichtigste Faktor für ihre räumliche Aktivität. Menschlich geprägte Landschaftsteile wie Straßen oder die Nähe zu Siedlungen werden jedoch vor allem nachts bzw. zu Zeiten genutzt, in denen das Risiko einer Begegnung mit Menschen am geringsten ist.

Bei kleineren Beutegreifern fanden die Forschenden kaum Hinweise darauf, dass Wölfe oder Menschen ihr Vorkommen beeinträchtigten. Füchse, Dachse und Marder nutzen vom Menschen geprägten Lebensräumen opportunistisch. Besonders auffällig war, dass sie eine ähnliche Nische besetzen wie freilaufende Hauskatzen.

Für den Schutz und das Management von Wildtieren bedeutet dies, dass Beobachtungen nicht auf einen einzigen räumlichen Maßstab reduziert werden sollten. Erst die Verbindung von Landschaftsebene und lokalen, zeitlichen Verhaltensmustern macht sichtbar, wie Wildtiere ihre Lebensräume unter den Bedingungen einer vom Menschen geprägten Umwelt aufteilen. Je enger verschiedene Arten denselben Lebensraum teilen, desto wichtiger wird für sie die tageszeitliche Trennung. Diese zeitliche Flexibilität kann auch die Konkurrenz zwischen verschiedenen Beutegreifern entschärfen.